Ottos neues Leben – die Geschichte vom Hahn im Rollstuhl

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Immer mehr Menschen wissen über die Möglichkeit von Rollstühlen für Katzen und Hunde Bescheid. Weniger bekannt ist dagegen, dass solche Bewegungshilfen auch für Geflügel existieren. Ein solcher Rollstuhlfahrer ist Otto.

Freiheit kann gefährlich sein – Der Hahn ist verletzt, was nun?

Otto ist ein Zwergseidenhahn, geboren und aufgewachsen im österreichischen Mühlviertel auf einem Bauernhof. Ein besonders hübsches Exemplar mit fellig-seidigem Gefieder in Braun, bunten Schwanzfedern und einem Walnusskamm. Nur einen kleinen Schönheitsmakel hat er, und der ist zugleich auch sein größtes Handicap: Sein rechtes Bein steht fast im rechten Winkel zur Seite ab. Das war nicht immer so. Ursprünglich war Otto ein kerngesunder Junghahn, doch so schön die Freiheit ist, die (freilaufende) Hühner genießen, so gefährlich kann sie auch sein.

Eines Tages muss es passiert sein, die Tierärztin später vermutete einen heftigen Schlag gegen den Fuß. Als ich den kleinen Hahn fand, versuchte er, sich vor den anderen Hühnern in einem der Legenester zu verkriechen, fraß und trank nur wenig und wirkte auch sonst sehr abgeschlagen. Ich gab nur kurz dem Besitzer Bescheid, holte eine Transportbox und packte den Kleinen ein.

Am nächsten Tag bei der Tierärztin zeigte das Röntgenbild einen gebrochenen Unterschenkelknochen. Um das Bein in eine „richtigere“, aber dennoch für den Hahn aushaltbare Position zu bringen, bekam er eine Bandage um den Körper herum (ein bisschen wie eine Armschlinge). Zudem bekam er täglich Schmerzmittel.
Nach einigen Wochen kam die Bandage weg, der Fuß war soweit stabil, dass er sich auch bei Belastung nicht weiter verletzen würde.

Otto bekommt zwei Hennen und fasst neuen Lebensmut

Bereits da stand die Frage im Raum, ob er jemals ein lebenswertes Leben führen kann. Er musste große Schmerzen haben, oft stand sein Schnabel leicht offen, weil er “hechelte”. Doch zugleich sahen wir, was für ein Kampfgeist in dem kleinen Hahn steckte. Fleißig fraß und trank er, bewegte sich so bald wie möglich alleine vorwärts, um seine Umwelt zu erforschen und zeigte sich vor allem im Umgang mit meiner Mutter sehr zutraulich. Außerdem war er schon damals sehr kommunikativ; wenn man mit ihm redete, kam stets ein leises Gackern zurück, als wollte er antworten. Diese Gewohnheit hat er sich bis heute beibehalten.

Nun braucht ein Hahn natürlich auch Hennen. Zu dem Zeitpunkt hatten wir selbst nur Marans und Deutsche Sperber, aber keine Seidenhühner. Da Hühner tendenziell aber lieber unter ihresgleichen leben und mitunter auch sehr unterschiedlich vom Charakter her sind, kauften wir für Otto zwei Seidenhühner: Traudi und Heidi.

Die beiden Damen könnten nicht unterschiedlicher sein. Traudi, ein rauchgraues Seidenhuhn mit einem kleinen Schopf, ist ruhig und unaufgeregt. Heidi, ein weißes Seidenhuhn mit schwarzen Flecken und ausgeprägtem Schopf, gibt gerne Gas. Otto liebt beide sehr.

Eine Entscheidung fürs Leben

Wir entschieden uns dafür, den jungen Mann nochmals bei der Tierärztin vorzustellen. Wir wollten noch alles (sinnvoll!) mögliche versuchen, um ihm ein schönes Leben zu bieten. Allerdings legten wir auch bereits im Vorhinein fest, dass wir, falls unsere Bemühungen scheiterten und Otto noch eingeschränkter werden würde, ihm das ersparen wollten.

Wir fragten die Tierärztin, welchen Gesamteindruck der Kleine auf sie mache – schließlich wollten wir die bestmögliche Entscheidung in Ottos Interesse treffen. Und auch sie meinte, dass er – bis auf den kaputten Fuß – einen guten Eindruck mache und vor allem Lebenswillen zeige. Jedoch war auch sie der Meinung, dass der Zustand kein Dauerzustand bleiben könne und eine Lösung her müsse. So machte sie uns auf Rollstühle für Hühner aufmerksam.

Wir bauen einen Rollstuhl für unseren Hahn – ein echtes “Ottomobil”

Zwar gibt es Rollstühle für Hühner zu kaufen, doch für Otto benötigten wir ein Spezialmodell, weil er so klein ist. Da wir gut und gerne basteln, war dies aber kein Problem. In ein paar Tagen war das neue Gefährt – liebevoll „Ottomobil“ genannt – zusammengeschraubt und einsatzfähig. Vorsichtig setzten wir ihn rein und stellten die „Hängematte“ – quasi die Sitzfläche – auf die richtige Höhe ein. Das mittelfristige Ziel war es, das kaputte Bein zu entlasten und das gesunde Bein zur Arbeit (beziehungsweise zum Anschieben) anzuregen, damit er im gesunden Bein wieder genug Muskulatur aufbauen und später vielleicht auch zeitweise ohne Rollstuhl auf einem Bein unterwegs sein könnte.

Wir dachten, dass Otto bestimmt einige Tage brauchen würde, um sich daran zu gewöhnen. Doch ganz offensichtlich haben wir ihn da unterschätzt! Schon am dritten Tag versuchte er, mit dem gesunden Beinchen den Rollstuhl anzuschieben – anfangs noch erfolglos, da die Muskulatur noch nicht so weit war. Doch alleine die durch den Rollstuhl veränderte Haltung tat ihm sichtlich gut. Zu Beginn setzten wir ihn nur kurz in den Stuhl, um seinen Bewegungsapparat nicht zu überfordern, dann dehnten wir diese Phasen immer weiter aus. Nach etwa zwei Wochen schaffte er es bereits, ein kleines Stück weit zu rollen: kontrolliert und gerade nach vorne. Seine Freude und Aufregung darüber teilte er auch lautstark mit.
Inzwischen gehört der Hühnerrolli zu seinem Alltag. Er verbringt jedoch nicht den ganzen Tag darin, das Ganze wirkt eher wie eine Art Physiotherapie für ihn. 

War er zuvor bereits bemüht um und wichtig für seine Hühnchen, dann ist er es jetzt noch mehr. Für Otto bedeutet der Rollstuhl sichtbar einen Zugewinn an Lebensqualität und ist deswegen in unseren Augen ein richtiger Lebensretter.

Der Prototyp… läuft sogar mit Ottomotor.

Unser Fazit – Es ist immer eine Einzelfallentscheidung

Natürlich ist ein Rollstuhl kein Universalheilmittel für verletzte Hühner. Nicht jedes Huhn mit nur einem Bein braucht überhaupt einen Rollstuhl. Und nicht jedes Huhn mit zwei Beinen ist durch einen Rollstuhl zu retten. Es ist immer eine Einzelfallentscheidung. Im Fokus dabei sollte das Tier beziehungsweise sein Lebenswille und seine Lebensqualität stehen. Wir hatten schon Hühner, die schwer krank wurden und nicht mehr zu retten waren. Denen dann auch der Lebenswille gefehlt hatte. Diese Tiere muss man gehen lassen, so schwer es einem selbst auch fallen mag. Das ist die Verantwortung, die man als TierbesitzerIn trägt.

Wenn ein Tier jedoch einen so starken Lebenswillen zeigt, dann sollte man auch ungewöhnlichen Methoden gegenüber aufgeschlossen sein und probieren. Natürlich muss man sich nach wie vor bewusst sein, dass ein starker Lebenswille Gesundheit nicht ersetzen kann. Und wenn man an unüberwindbare Grenzen stößt, dann muss man das Tier erlösen, um ihm Schlimmeres zu ersparen.
Wenn sich jedoch herausstellt, dass mit solch ungewöhnlichen Methoden Grenzen überwindbar werden, dann tut sich für das Tier eine zweite Chance auf. Und die hat jedes Tier verdient.