Es ist Dienstagmorgen, 10 Uhr in Udaipur, einer indischen Großstadt im Bundesstaat Rajasthan. Noch sitze ich gemütlich beim Frühstück und ahne nicht, was dieser Tag für mich bereithalten wird. Draußen herrscht bereits reges Treiben: ein endloses Gewusel aus Menschen, hupenden Rollern, Hunden, vereinzelten Katzen – und natürlich Kühen. Für die Menschen hier ist das normal. Für mich als Touristin nicht. Doch heute bin ich nicht als Touristin hier, sondern als jemand, der helfen will:
Es wird mein erstes Mal Freiwilligenarbeit im Tierschutz sein. Über Instagram stieß ich auf Chandni Soi, Tierschützerin und Gründerin von Support Strays Udaipur. „Wenn du wirklich verstehen willst, wie Straßenhunde hier leben, musst du mitkommen“, schrieb sie. Zwei Nachrichten später war ein passender Tag vereinbart.
Mit dem Roller ins Unbekannte
Vor dem Café wartet jedoch nicht Chandni, sondern ein Kollege von ihr auf einem Roller. Ein kurzes Nicken, ein leises „good morning“, und schon sitze ich hinter ihm. Ohne zu wissen, wohin es geht, schlängeln wir uns durch die überfüllten Straßen, bis wir vor einem heruntergekommenen Gebäude halten. Zwei gepflegte Hunde mit Halsband rennen uns entgegen, springen an mir hoch und beschnuppern neugierig meinen Geruch.
„Wir müssen jetzt das Essen für 300 Hunde vorbereiten“, sagt Tathagat – sein erster vollständiger Satz. Wir füttern die beiden Hunde mit den Resten vom Vortag und bereiten das Essen für heute vor: gekochter Reis, Mais, Gemüse – einfach, aber nahrhaft. Während wir alles in große Eimer umfüllen, geht mir die Zahl 300 nicht mehr aus dem Kopf. Wie sollen wir zu zweit 300 Straßenhunde versorgen? Denn hier steht kein großes Team hinter dieser Arbeit, das mit einem Transporter von A nach B fährt. Es sind nur Tathagat, sein Roller und ich, bepackt mit Eimern voller Futter.
Von Chandni fehlt noch immer jede Spur. Auf meine Nachfrage hin erklärt mir Tathagat, dass sie letzte Nacht lange auf war: Jemand hatte einen Wurf Welpen ausgesetzt. Sie brachte die hilflosen Tiere sofort zum Tierarzt, weshalb Tathagat heute die Frühschicht übernimmt.
Kaum ist der letzte Eimer befüllt, ruft Tathagat: „Nimm dir einen Eimer und dann geht’s los“. Er klemmt sich einen Eimer zwischen die Beine, ich halte einen weiteren fest umklammert in meinen Händen, und dann fahren wir auch schon los.
Unser erster Halt: eine Hundemutter mit ihren drei Welpen. Die Mutter bleibt ängstlich auf Abstand, versteckt sich hinter einem Auto und beobachtet jeden unserer Schritte genau. Tathagat stellt das Futter in sicherem Abstand ab. Die Welpen dagegen kommen mutig auf uns zu, schnuppern und fressen sogar aus meiner Hand. Als wir weiterfahren, beobachte ich im Rückspiegel, wie sich die Hündin endlich mit langsamen, misstrauischen Schritten zum Futter traut.

Zehn Welpen – und eine Geschichte, die schmerzt
Es bleibt keine Zeit durchzuatmen, denn die nächsten Hunde warten schon auf ihre Mahlzeit. Auf einem umzäunten Grundstück hören wir lautes Bellen. Zehn verspielte Welpen – vielleicht drei bis vier Monate alt – springen uns entgegen und hängen bereits am Eimer, noch bevor ich diesen auf dem Boden abstelle.
Ihre Mutter starb vor einer Woche in Chandnis Armen nach einem Verkehrsunfall, erzählt Tathagat. Die Kleinen haben sich schnell daran gewöhnt, täglich versorgt zu werden. Als ich mitten unter ihnen sitze und all die wedelnden Schwänze sehe, bricht etwas in mir. Für diese Gruppe nehmen wir uns etwas mehr Zeit. Jeder, der möchte, bekommt eine kleine Kuscheleinheit. Darum ließ ich mich nicht zweimal bitten.
Plötzlich durchschneidet ein schrilles Jaulen die Luft. Abseits liegt ein Welpe, blutend, verletzt, zu schwach, um aufzustehen. Mehrere Bisswunden ziehen sich über seinen Bauch. Ich nehme ihn vorsichtig auf den Arm. Er wehrt sich nicht, nur ein leises Fiepen. Tathagat ruft sofort den Tierarzt an. Die Minuten, in denen wir auf den Tierarzt warten und ich den Welpen halte, fühlen sich ewig an.
Als der Arzt nach 15 Minuten eintrifft, versorgt er ihn routiniert: Spritze, Nähen, ein paar kurze Worte, dann eilt er weiter zum nächsten Notfall. Natürlich zu Chandni. „Wenn mich jemand ruft, ist es zu 90 % sie“, ruft er noch, bevor er davonfährt. Die beiden arbeiten seit mehreren Jahren eng zusammen und er steht immer auf Abruf für sie bereit.
Ich bringe den Kleinen zurück zu seinen Geschwistern, stelle sicher, dass er noch etwas frisst und schwinge mich wieder auf Tathagat’s Roller. „Wir müssen uns beeilen, sonst schaffen wir es nicht, alle rechtzeitig zu versorgen, bevor es dunkel wird.“ Denn Udaipur ist groß und der Tag kurz.

Eine unerwartete Begegnung
Der nächste Halt überrascht mich: zwei Kühe. Kühe auf indischen Straßen sind erstmal nichts Ungewöhnliches. Was hier allerdings anders ist: Sie stehen angebunden an einem Wohnhaus, mitten in der Stadt. Obwohl sie jemandem gehören, schauen sie hungrig drein, als würden sie uns schon sehnlichst erwarten. Wir legen das gesammelte Grünfutter vor ihnen ab, sofort stürzen sie sich darauf. Danach schlecken sie Tathagat und mich ausgiebig ab, als eine Art Zeichen der Dankbarkeit und posieren sogar mit mir für ein Foto. Fast so als hätten sie verstanden, dass ich diesen Moment festhalten möchte.

Wie Chandni zur Tierschützerin von Udaipur wurde
In der Mittagspause treffe ich endlich Chandni. Sie wirkt müde, aber erzählt mir dennoch ihre Geschichte. „Vor ein paar Jahren entdeckte ich eines Abends zwei kleine, abgemagerte Welpen vor meiner Haustür. Ich konnte sie nicht einfach vor meiner Tür sitzen lassen“. Sofort stand für sie fest, sie würde die beiden bei sich aufnehmen und aufpäppeln. Als die beiden alt genug waren, gab sie sie an Freunde weiter, da ihre Eltern eigentlich dagegen waren, Hunde bei sich zu Hause zu halten. Doch es dauerte nicht lang, da rettete sie schon die nächsten Hunde von der Straße. Dann die nächsten. Und die nächsten. Irgendwann sprach es sich herum, dass sie die Hunderetterin von Udaipur war. Ab da stand ihr Telefon nicht mehr still. „Ich habe es nicht geplant, Tierschützerin zu werden. Die Hunde haben mich zu einer gemacht.“
Zum Abschluss des Tages zeigt sie mir ein kleines Übergangsshelter – eine winzige Ein-Zimmer-Wohnung, kaum zehn Quadratmeter groß. Mehrere Käfige stehen dicht an dicht. Darin Hunde und Katzen, die alle ihre eigenen Geschichten mitbringen: blind, gelähmt und manche so schwach, dass sie ohne Aufsicht nicht frei umherlaufen könnten, ohne sich zu verletzen.
Einige Tiere sitzen in ihrem eigenen Urin oder Kot. Es ist einer dieser Momente, in denen sich alles in dir zusammenzieht. In denen du am liebsten wegsehen würdest. Aber wegsehen macht es nicht besser. Es ist dieses Hinsehen, das notwendig ist, um zu verstehen, wie wichtig Chandnis Arbeit ist. Sie selbst sagt, sie findet das Übergangsshelter schrecklich, aber es ist aktuell der einzige Ort, an dem sie die Tiere vor der Straße beschützen kann.
Chandni bekommt keine Unterstützung vom Staat. Sie hat nur Tathagat und ihren Mann. Mehr Menschen stehen nicht hinter dieser Arbeit. Niemanden, den sie bezahlen könnte, um täglich im Shelter zu bleiben. Es ist ein Knochenjob, den sie mit Liebe und Leidenschaft macht. Gleichzeitig kostet er sie aber auch vieles: Zeit, Schlaf, Ruhe. Und trotzdem macht sie jeden Tag weiter.
Ein neues Shelter für Udaipurs Straßenhunde
Als ich im Januar 2024 diesen Tag mit Chandni verbringen durfte, war sie gerade auf der Suche nach einem „richtigen“ Shelter. Er sollte ein paar große Zwinger mit mehr Platz für die Tiere bieten, denn in dem kleinen angemieteten Raum kann sie nicht all die Tiere unterbringen, die ihre Hilfe benötigten. Ein halbes Jahr später postete sie auf Instagram voller Stolz, dass sie es geschafft hat, das Shelter zu bauen. All das nur dank Spenden und dank Menschen, die an sie glauben.
Außerdem verteilt sie fest installierte Wasserschüsseln in der ganzen Stadt, um Bewusstsein für Straßentiere zu schaffen. Chandni will, dass Menschen stehen bleiben, hinsehen und fühlen. Gerade hier in Indien, wo Mitgefühl für Tiere nicht überall selbstverständlich ist. Seit einiger Zeit setzt sie sich außerdem dafür ein, dass Straßenhunde aus ihrem Shelter adoptiert werden – ein Konzept, das in Indien noch ungewöhnlich ist.
Diesen einen Tag bei Support Strays Udaipur zu verbringen hat mir gezeigt, dass Tierschutz nicht nur bedeutet, einem Tier ein Zuhause zu schenken oder Futter zu spenden. Tierschutz ist in Wahrheit etwas viel Größeres: es bedeutet, hinzusehen, wenn es weh tut. Hinzugehen, wenn es unbequem wird. Verantwortung zu übernehmen, auch wenn man weiß, dass man nicht alle retten kann.
Und genau das tut Chandni für die Straßenhunde in Udaipur. Jeden einzelnen Tag.

