Tierschutzhund eingewöhnen: die ersten 4 Wochen mit unserer Hündin Talia

von | Erfahrung Tierhalter, Hunde, Tier adoptieren

Als wir uns entschieden, einer Hündin aus dem Tierschutz ein Zuhause zu geben, fühlten wir uns gut vorbereitet. Wir hatten uns informiert, Erfahrungsberichte gelesen und uns mit erfahrenen Hundehaltern ausgetauscht. Trotzdem merkten wir schnell, dass all das nur bedingt darauf vorbereiten kann, wie sich die ersten Wochen tatsächlich anfühlen, wenn der Tierschutzhund plötzlich da ist.

Unsere gemeinsame Geschichte begann an einem sonnigen Tag im Mai diesen Jahres. Der Vorstand des Tierschutzvereins Pfotenliebe e.V. organisierte in ihrem Garten für die werdenden Hundeeltern eine Veranstaltung, bei der uns die Hunde übergeben werden sollten. Die Stimmung war eine Mischung aus Vorfreude und Aufregung, aber auch stiller Anspannung. Es gab Kaffee und Kuchen, lockere Gespräche und die Möglichkeit, Schnüffelbälle und andere selbstgemachte Spielzeuge für die Fellnasen zu kaufen. Nachdem sich der Verein vorgestellt und letzte wichtige Hinweise gegeben hatte, warteten alle gemeinsam im Garten auf die Ankunft der Hunde.

Als der Transporter schließlich eintraf, wurde es spürbar ruhiger und stattdessen kehrte im Garten ein. Die Tierschutzhunde hatten eine lange Reise hinter sich, rund 2.000 Kilometer aus Kardzhali in Bulgarien. Einer nach dem anderen bekam im Transporter sein Sicherheitsgeschirr angelegt und wurde dann in den Garten zu seinen neuen Menschen gebracht. Für viele war dieser Moment überwältigend. Es wurde geweint, gelacht, sich umarmt. Und in all dem Trubel trafen wir zum ersten Mal auf unsere Hündin Talia, ein 1,5 Jahre alter Schäferhund-Mix.

Bevor wir gehen konnten, wurde sie noch untersucht, ihre Krallen wurden gekürzt, die Ohren kontrolliert, verfilzte Stellen entfernt und ihre Zähne begutachtet. Anschließend bekamen wir ihre Unterlagen, den EU-Heimtierausweis und einige kleine Goodies wie Lesezeichen und Hundehalstuch vom Verein geschenkt.

Und dann saßen wir auch schon wenig später mit ihr im Auto. Die kurze Fahrt nach Hause war für sie die nächste Herausforderung. Nach über 30 Stunden Transport war alles neu und vermutlich auch zu viel. Trotzdem blieb sie erstaunlich ruhig und schaffte die Fahrt besser, als wir es erwartet hatten.

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Tierschutzhund Talia kurz nach ihrer Ankunft in Deutschland

Tierschutzhund adoptieren: die Ankunft zu Hause

Zu Hause angekommen nahmen wir bewusst das Tempo raus. Sie durfte zunächst das Badezimmer erkunden, ohne Druck und ohne Erwartungen. Wir ließen sie schnuppern, sich orientieren und selbst entscheiden, wie nah sie uns kommt. Erst danach ging es unter die Dusche, um die Anstrengung der letzten 30 Stunden hinter sich zu lassen. Auch das funktionierte erstaunlich gut, wenn auch nicht sofort. Sie brauchte einen Moment, bis sie sich darauf einlassen konnte, gebadet zu werden.

Nach dem Duschen begann sie, ihre neue Umgebung zu entdecken. Jeder Raum wurde vorsichtig erkundet, immer wieder, ganz in ihrem Tempo. Auch der Garten spielte dabei sofort eine wichtige Rolle. Schon kurz nach ihrer Ankunft verrichtete sie dort ihr Geschäft, was sich in diesem Moment wie ein riesiger Erfolg anfühlte.

Am Abend versuchten wir, weiter Ruhe einkehren zu lassen. Wir hatten eigentlich vor, dass sie in ihrem Körbchen schläft. Dieses interessierte sie jedoch zunächst überhaupt nicht. Stattdessen legte sie sich zu uns auf die Couch. Da sie ohnehin bei uns aufs Sofa darf und wir ihr gerade in dieser ersten Phase möglichst viel Sicherheit geben wollten, ließen wir es zu. Sie schlief kurz darauf in meinem Arm ein, als hätte sie genau das gebraucht.

Die erste Nacht verlief ruhiger, als wir es erwartet hatten. Talia schlief fast durch, stand zwischendurch kurz auf, lief ein paar Schritte durch das Wohnzimmer und legte sich dann wieder zu uns. Es wirkte, als würde sie sich immer wieder vergewissern, dass alles noch da ist.

Die ersten Tage mit einem Tierschutzhund: Ankommen, Ruhe und Vertrauen aufbauen

Am nächsten Morgen begann dann der Alltag. Während der Hund problemlos trank, verweigerte sie zunächst das Futter komplett. Wir probierten verschiedene Varianten aus: Trockenfutter, Leckerlis, Obst und Gemüse, doch nichts davon schien sie zu interessieren. Erst als wir herausfanden, dass sie getrocknete Rinderlunge mochte, konnten wir langsam eine Brücke schlagen. Nach Rücksprache mit dem Verein erfuhren wir, dass die Hunde immer eine Mischung aus Nass- und Trockenfutter erhalten haben. Das kauften wir schließlich auch für die ersten paar Tage und das schien ihr auch zu helfen.

Nachdem wir begannen, das Nassfutter sukzessive wegzulassen, streuten wir anstelle davon ein Topping aus Rindfleisch- und Kürbispulver darüber und feuchteten das Trockenfutter an, was sie wohl sehr mochte. Auch Frischkäse scheint sie sehr zu mögen und so konnten wir sie innerhalb einer Woche weg vom Nassfutter locken und eine andere attraktive Alternative bieten.

Ist ein Tierschutzhund stubenrein? Unsere Erfahrung nach wenigen Tagen

Das kommt drauf an, wir brauchten beim Thema Stubenreinheit etwas Geduld. Schon fünf Minuten nach betreten der Wohnung pinkelte sie erst auf den Wohnzimmerteppich, dann auf den Esszimmerboden. Kurz darauf erleichterte sie noch noch einmal im Garten. Am dritten Tag wurde es besser, dann am fünften wieder auf Anfang. Rückblickend war das einer der Momente, in denen wir verstanden haben, dass Entwicklung nicht linear verläuft und kleine Schritte völlig ausreichen.

Im Prinzip war Talia nach der ersten Woche vollständig stubenrein – sofern sie keine Angst hat. Es gibt Momente, etwa wenn neue Menschen, die sie noch nicht kennt, zu Besuch kommen. Oder aber zwei Nächte, in denen sie aufgeregt in unser Bett gesprungen kam und beim Versuch, sie herauszulocken, sie lospinkelte. Auch, als wir den Hund für eine Stunde zur Eingewöhnung bei meinen Eltern vorbeibrachten und wir gingen, machte sie Pipi. Es scheint also ein an Angst geknüpfter Mechanismus zu sein, dass sie bei Angst Pipi verliert, und gleichzeitig meldet sie sich schon bei uns, wenn sie dringend raus muss.

Talia erkundet ihr neues Zuhause und den Garten

Ist mein Tierschutzhund ängstlich? Verhalten in den ersten Wochen verstehen

Relativ schnell zeichnete sich ab, dass Talia ein sensibler Hund ist. Geräusche wie Bohrmaschinen, Mülltonnen, Krähen, vorbeifahrende Autos und Fahrräder machten ihr zunächst zu schaffen. Gleichzeitig wussten wir vom Verein, dass sie dieses Verhalten aus Bulgarien so nicht gezeigt hatte. Es wurde schnell klar, dass nicht die Geräusche an sich das Problem waren, sondern die gesamte neue Situation.

Um ihr zu helfen, Struktur zu finden, haben wir ihr die Wohnung nach und nach erschlossen. Am ersten Tag gewöhnten wir sie daran, mit uns im Wohnzimmer zu sein, am zweiten Tag kam die Küche und Esszimmer dazu und ein paar Tage darauf auf auch das Schlafzimmer bzw. Büro. Geschlossene Türen halfen ihr dabei, sich besser zu orientieren und zur Ruhe zu kommen. Wenn zu viele Räume gleichzeitig offen waren, lief sie durchgehend hin und her und wirkte angespannt.

Die folgenden Tage waren geprägt von genau diesem Wechsel zwischen Fortschritt und Unsicherheit. An manchen Tagen wirkte sie deutlich entspannter, an anderen wieder übervorsichtig. Es gab Momente, in denen sie Dinge anknabberte oder sich zurückzog. Besuchssituationen führten mitunter zu Überforderung, und auch Urinieren vor Aufregung gehörte ebenfalls dazu.

An dieser Stelle möchte ich auch betonen, dass es gleichzeitig immer mehr positive Entwicklungen gab und das schon in den ersten Tagen! Sie begann zu spielen, wir gewöhnten sie in kürzester Zeit ans Auto fahren, sie konnte schon wenige Minuten alleine bleiben während wir in den Keller gingen oder Müll rausbrachten und außerdem: Sie suchte zunehmend die Nähe zu uns Und immer öfter legte sie sich beim Arbeiten entspannt neben uns und schlief tief und fest.

Vier Wochen später: Diese Fortschritte haben wir mit unserem Hund gemacht

Wir können entspannte Gassirunden in unserer bekannten Umgebung, aber auch an neuen Orten machen. Hier und da sind noch kleine Momente der Angst zu spüren, besonders wenn direkt an uns ein Bus, LKW oder lautes Motorrad vorbeifährt. Talia lernt sehr schnell und nach ein paar ungewollten Konfrontationen mit gewissen Situationen gewöhnt sie sich auch daran. Nach nur zwei Wochen konnten wir vom „Geschäft erledigen im Garten“ auf draußen umsteigen, da sie sich schon sicher genug dafür fühlt.

Kommandos wie Sitz und Platz führt sie in der Wohnung ohne Probleme durch, draußen muss sie das allerdings noch lernen. Auch wenn sie nicht mehr so viel Angst beim Gassigehen hat, ist sie oft im Bereitschaftsmodus und hört nur auf ihren Namen oder wenn wir „Nein“ sagen. Auch das Deckentraining läuft super und wir wollen es bald mal wagen, mit ihr ein Eis essen zu gehen und sie an solche Alltagssituationen zu gewöhnen.

Unser adoptierter Tierschutzhund fühlt sich nach vier Wochen bereits sehr wohl im neuen Zuhause.

Warum Geduld bei Hunden aus dem Tierschutz wichtiger ist als Perfektion

Nach vier Wochen ist bei Weitem nicht alles gelernt, was dieser Hund noch zu erlernen hat. Aber Talia ist in vielen Dingen bereits gewachsen und mit am meisten das Vertrauen zu uns. Die wichtigste Erkenntnis aus dieser Zeit: Ein Tierschutzhund kein Projekt ist, das man in kurzer Zeit „beenden“ machen kann. Es geht nicht darum, möglichst schnell alles richtig zu machen, sondern darum, gemeinsam anzukommen.

Und genau darin liegt vermutlich die eigentliche Schönheit dieser Erfahrung. Man sieht nicht nur, wie ein Hund sich entwickelt, sondern auch, wie sich die eigene Sichtweise verändert. Geduld wird selbstverständlich und kleine Fortschritte gewinnen an Bedeutung. Denn Vertrauen zwischen einem Besitzer und seinem Hund entsteht dort, wo man es nicht erzwingen kann.

Talia ist jetzt Teil unseres Alltags. Sie ist zwar nicht perfekt und nicht „fertig entwickelt“, aber sie ist genau so, wie sie sein soll: zutraulich, neugierig und lernwillig. Es wird nie langweilig mit ihr und dennoch machen wir viel schneller Fortschritte, als wir zu Beginn erwartet hatten.

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FAQ: Tierschutzhund eingewöhnen

1. Wie lange dauert es, einen Tierschutzhund einzugewöhnen?

Die Eingewöhnung eines Tierschutzhundes dauert oft mehrere Wochen bis Monate. Erste Routinen entstehen meist nach zwei bis vier Wochen, echtes Vertrauen entwickelt sich jedoch individuell und kann deutlich länger brauchen. Manchmal sogar bis zu einem Jahr.

2. Was muss ich in den ersten Tagen mit einem Tierschutzhund beachten?

In den ersten Tagen sollte der Fokus auf Ruhe, Sicherheit und Struktur liegen. Neue Eindrücke sollten dosiert werden, damit der Hund Zeit hat, sich an seine Umgebung zu gewöhnen. Auch Besuch zu empfangen, sollte erst einmal vermieden werden, damit sich der Hund ganz auf seine neuen Besitzer einstellen kann.

3. Warum frisst mein Tierschutzhund am Anfang nicht?

Viele Tierschutzhunde verweigern in den ersten Tagen das Futter aufgrund von Stress, Überforderung oder ungewohnten Futterarten. Mit Geduld und kleinen Anpassungen findet sich meist schnell eine Lösung. Und manchmal ist Abwarten auch einfach die beste.

4. Sind Tierschutzhunde von Anfang an stubenrein?

Nein, nicht unbedingt. Auch erwachsene Hunde müssen häufig erst lernen, wo sie sich lösen dürfen. Erste Unfälle sind normal, Fortschritte zeigen sich meist schon nach wenigen Tagen oder Wochen. Jedoch können Sie Urin und Kot länger halten als Welpen, die spätestens alle zwei Stunden mal rausgelassen werden sollten.

5. Warum ist mein Tierschutzhund so ängstlich?

Nach Transport, Ortswechsel und neuen Reizen reagieren viele Hunde zunächst unsicher. Geräusche, Menschen oder Situationen müssen erst neu eingeordnet werden. Mit Zeit und Routine legt sich diese Unsicherheit oft deutlich.

6. Wie kann ich Vertrauen bei einem Tierschutzhund aufbauen?

Vertrauen entsteht durch Geduld, verlässliche Rituale und ruhige Interaktionen. Zwang oder Druck verlangsamen diesen Prozess, während klare Strukturen dem Hund Orientierung geben.

7. Was sind typische Fortschritte in den ersten Wochen?

Zu den häufigsten Fortschritten zählen entspannteres Verhalten, erste Spielansätze, bessere Orientierung im Alltag und zunehmend sichere Spaziergänge. Schnelllernenden Hunden können sogar schon erste Kommandos wie Sitz und Platz beigebracht werden.

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